Die mächtige Stimme der Natur

„Die ganze traditionelle Konzeption eines (seelisch-geisti­gen) Willens, der den Körper kommandiert, wirft Schopen­hauer beiseite mit der Unterscheidung zwischen Willensaktion und bloß intellektueller Willensabsicht. »Willensbeschlüsse, die sich auf die Zukunft beziehn, sind bloße Überlegungen der Vernunft über das, was man dereinst wollen wird, nicht eigent­lich Willensakte« (I, 158). Ob der durch die Vernunft gefaßte Willensbeschluß verwirklicht wird, hängt nicht von der Kraft der Vernunft ab, sondern davon, ob diese Absicht meinen Wil­len, wie er sich in der Gesamtheit meiner leiblichen Existenz manifestiert, anregt. Die Vernunft hält dem Willen Motive vor, wie der Wille aber auf diese Motive reagiert, steht nicht in der Gewalt der Vernunft. Der Entschluß findet nicht vor der Ak­tion statt, im Sinne einer Kausalität zwischen Entschluß und Aktion, sondern der Entschluß fällt zusammen mit der Aktion selbst. Zuvor gibt es eine Absicht, sich in bestimmter Weise zu entschließen. Entschlossenheit aber ist erst in und durch die Aktion. »Nur die Ausführung stempelt den Entschluß«, schreibt Schopenhauer. Wer ich bin, das darf ich nicht aus meinen Absichten, sondern nur aus der verwirklichten und das heißt immer auch zugleich: aus der verkörperten Gestalt mei­nes Lebens ablesen. Es gibt kein Entkommen in eine geistige Hinterwelt, die meinem praktischen Leben „tieferen“ Sinn oder gar Absolution erteilt. Die Taten meines Lebens sind das aufge­schlagene Buch meiner Identität. Was ich bin, das habe ich gewollt. Der Wille in mir ist nichts, was ich „machen“ könnte, der Wille, der ich bin, geschieht. Gegen die traditionelle Theo­rie der Willensfreiheit argumentiert Schopenhauer:

»Sie besteht also eigentlich darin, daß der Mensch sein ei­genes Werk ist, am Lichte der Erkenntnis. Ich hingegen sage: er ist sein eigenes Werk vor aller Erkenntnis, und diese kommt bloß hinzu, es zu beleuchten. Darum kann er nicht beschlie­ßen, ein solcher oder solcher zu sein, noch auch kann er ein anderer werden; sondern er ist, ein für allemal, und erkennt successive was er ist. Bei Jenen will er was er erkennt; bei mir erkennt er was er will« (1,403).

Bei Schopenhauer ist auch der Kopf im genauen Sinne ein Körperteil. Das Denken des Kopfes ist deshalb zuletzt doch auch nur eine Aktion des Willens. Doch der Wille, der wir insgesamt sind, manifestiert sich in unterschiedlicher Stärke und Wahrnehmbarkeit in unserem Körper. Schon das vege­tative Leben unseres Körpers ist Wille, egal ob wir ihn bemer­ken, und wir bemerken ihn hier in der Regel nur bei Funk­tionsstörungen als Schmerz, Unbehagen usw. Für Schopen­hauer reißt die Erkenntnisfähigkeit des Menschen diesen nicht los von dem Geschehen des Willens am eigenen Leibe, sondern das Erkennen definiert Schopenhauer als ein Organ des Willens, wodurch sonstige Mängel der körperlichen Aus­stattung kompensiert werden. Im Blick auf die Stellung des Menschen zur übrigen Natur schreibt Schopenhauer: »Der Wille, der bis hierher (in der nichtmenschlichen Natur, R. S.) im Dunkeln höchst sicher und unfehlbar seinen Trieb verfolg­te, hat sich auf dieser Stufe (der menschlichen, R. S.) ein Licht angezündet« (I, 223). Das war nötig, damit das »komplizier­te, vielseitige, bildsame, höchst bedürftige und unzähligen Verletzungen ausgesetzte Wesen, der Mensch« (I, 224) über­haupt bestehen konnte. In unserem erkennenden Vermögen bleiben wir also in der Hauptsache an den Willen gebunden: »Die Erkenntnis überhaupt, vernünftige sowohl als bloß an­schauliche, ... ursprünglich also zum Dienste des Willens, zur Vollbringung seiner Zwecke bestimmt, bleibt sie ihm auch fast durchgängig gänzlich dienstbar« (I, 225).

»Gegen die mächtige Stimme der Natur« schreibt Schopen­hauer, »vermag die Reflexion wenig« (1,389). Schopenhauer läßt seinem nicht unbeträchtlichen satirischen Talent alle Freiheit bei der Schilderung der Blamagen des Geistes, wenn dieser mit den Umtrieben des Körpers in Kollision gerät. Die mächtigste Stimme der Natur und damit auch die günstigste Gelegenheit für den Geist, sich zu blamieren, ist, wie kann es anders sein, die Sexualität. Die Genitalien nennt Schopen­hauer den »eigentlichen Brennpunkt des Willens« (1,452). Un­serem Bewußtsein und Empfinden stellt sich die Natur in uns, die ihren Gattungszweck, die Fortpflanzung, unerbittlich ver­folgt, zumeist als Gefühl der Verliebtheit dar. Die Genitalien suchen sich, und die Seelen glauben sich zu finden. Die Men­schen erfahren sich als Individuen, und deshalb müssen sie zu ihrem Gattungszweck überlistet werden. Die Lust des Kör­pers und die Verliebtheit der Seelen bringen das zustande. Es vollzieht sich eine lustvolle Überschreitung der Grenzen der Individualität. Die postkoitale Depression ist oft die ernüch­ternde Rückkehr aus dieser Vermischung. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Im Tierreich, so Schopenhauer, geht die Natur noch »naiver« zu Werke: Da wird auch schon mal das Männchen nach der Begattung getö­tet oder tötet sich gar selbst. In der Menschenwelt weiß der Mythos von der faszinierenden Verbindung von Liebe und Tod, die alltägliche Gestalt dieser Verbindung ist dann doch eher die »Plage des Hausstandes«. »Die Natur... treibt mit aller ihrer Kraft den Menschen, wie das Tier, zur Fortpflan­zung. Danach hat sie mit dem Individuum ihren Zweck er­reicht und ist ganz gleichgültig gegen dessen Untergang, da ihr als dem Willen zum Leben, nur an der Erhaltung der Gat­tung gelegen, das Individuum ihr nichts ist« (1,452).

Daß die »Erkenntnis im Dienste des Willens« steht, gilt also besonders auch für die Sexualität, die als überindividuelle Macht das Individuum zappeln läßt. Gerade weil hier der »Brennpunkt des Willens« liegt, ist Schopenhauer darauf ge­faßt, die geheimen sexuellen Antriebe auch in entlegeneren Lebensbereichen, wo man sie nicht vermuten würde, aufzu­finden. (…)  Denn die Sexualität, so wie er sie erlebt, wird ihm zum Modell des als quälend empfundenen Willensge­schehens überhaupt. Von hier beziehen Schopenhauers Urtei­le über den Willen ihr affektives Unterfutter. Ein Beispiel: Eben noch spricht Schopenhauer von den Steinen und ihrer Schwere, die sie unaufhörlich in einen Mittelpunkt ziehen, da findet er sogleich beim Stichwort »endloses Streben« den Übergang zum endlosen Fortzeugungsgeschäft: »Ebenso ist der Lebenslauf des Tieres: die Zeugung ist der Gipfel dessel­ben, nach dessen Erreichung das Leben des ersten Individu­ums schnell oder langsam sinkt, während ein neues der Natur die Erhaltung der Species verbürgt und dieselbe Erscheinung wiederholt« (1,240). Das Generationsgeschehen geht über das einzelne Lebewesen mit Gleichgültigkeit hinweg. Der Mensch aber, der sich als Individuum erfährt, hat dazu noch das Pech, sich dieser Gleichgültigkeit der Natur in ihm selbst bewußt zu werden. Das erfährt er gerade in der Sexualität, die ihn unversehens ins Tierreich wirft. Bei der Begattung wird er zum Gattungswesen. Diese Kränkung „von unten“  konnte Schopenhauer, der sonst gerne - allerdings „von oben“, vom »besseren Bewußtsein« her — über das ängstliche Festhalten am Prinzip der Individuation spottet, schlecht ertragen. Wie hatte doch Schopenhauer in seinem intimeren Manuskriptbuch geschrieben: »Denke dir das schönste, liebreizendeste Paar... Nun sieh sie im Augenblick des Genusses der Wollust - aller Scherz, all jene sanfte Grazie ist plötzlich fort, urplötzlich beym Anfang des „actus“  verschwunden, und hat einem tiefen Ernst Platz gemacht. Was für ein Ernst ist das? -der Ernst der Thierheit« (HN I, 42). Bei diesem »Ernst« hört für Schopenhauer der Spaß auf  -  der Spaß an der Erotik und der Spaß an der sich quasi erotisch in die Natur einfühlenden Naturphilosophie seiner Zeit. In seinem Manuskriptbuch nennt er die Naturphilosophen - gemeint sind Schelling, Steffen, Troxler und andere-eine „besondre Klasse Narren“, die das nicht kennen, wovon sie reden. Sie haben die Natur zu ihrer platonischen Geliebten gemacht; schwärmen können sie nur über die Natur in ihrer unriskanten Präsenz. „Aber versuch es ein Mal ganz Natur zu seyn: es ist entsetzlich zu denken (…)

Safranski, Schopenhauer …  S. 336 ff